Sathyan Ramesh
Filmregisseur

Mein zweiter Film

über die Arbeit mit Ute Engelhardt

von Sathyan Ramesh

Ich verstehe nichts von Musik, und folgerichtig auch nichts von Filmmusik. Und zwar so richtig gar nichts nichts. Ein Beispiel: Meiner Kamerafrau – von Kameraführung verstehe ich nämlich auch nichts - konnte ich bei meinem zweiten Film (der erste fegte sowieso quasi einfach über mich hinweg) zumindest vage sagen, was ich mir in den Bildern wünschte, nämlich: Luft. Kein Witz. Ich wollte Bilder mit Tiefe, mit Raum, Bilder voll Freiheit, Bilder mit… Luft. (Ich finde auch, sie hat Bilder mit Luft gefunden.)

Wenn man mich nach der Musik für meinen zweiten Film fragte, dann konnte ich – gar nichts sagen. Nichts. Was sollte ich sagen? „Schöne Melodien?“ Da hätte ich mir auch von den Schauspielern einfach wünschen können, daß sie „gut spielen“.
So geht’s ja nicht.

So sagte ich also nichts.

Nur heimlich für mich wünschte ich mir, daß die Musik schön werden würde.

Mehr wußte ich nicht mal für mich ganz allein.

Und dann stellten mir meine Producerin Andrea Günther und der Produktionsleiter Sven Rudat eine Arbeitsprobe von Ute Engelhardt vor.

Die meines Wissens beim Komponieren dieser vier, fünf Versuchsstücke vorerst nur das Treatment zu dem Film kannte.

Vielleicht sollte man wissen, daß „Letzter Moment“ ein Liebesfilm ist. Da hat dann doch höchstwahrscheinlich jeder so ein bestimmtes Klischee von deutscher Fernsehliebesfilmmusik im Kopf. Das zumindest wußte ich: gefühlssoßig durfte es nicht klingen.

Es klang gar nicht.

Die im Produktionsbüro gebrannte CD war aus irgendeinem Grund zu leise, weder auf meinem Laptop noch vom DVD-Player aus verstand ich mehr als punktuelle Anklänge von Klängen.

Und außerdem hörte man dazu mehr Rauschen als alles andere.

Ich war ungehalten.

Ich wollte was Kluges zur Arbeit der mir vorgeschlagenen Komponistin sagen, ich wollte mich, als Autodidakt bei meinem zweiten Film nach einem überraschenden Achtungserfolg mit dem ersten, beweisen… ich war nervös. Feinnervig. Nervig.

Ich war ungehalten und blökte rum. Ich hör nix, was soll das, kann man nicht mal ‘ne anständige CD… Regisseursgetue. Ein Amateur spielt Regisseur.

Was mich aber am meisten nervte, beziehungsweise: unter Druck setzte, war – daß alle anderen die Musik schon kannten. Sie hatten sie laut und klar im Produktionsbüro gehört, und: sie hatten sich verliebt. Sie konnten schon über Lieblingsstellen sprechen, über Tempiwechsel und Instrumentierungen, sprich: wenn es mir nicht gefallen hätte, dann hätte ich argumentieren müssen, warum ich Ute Engelhardt nicht als Komponistin wollte.

Und, wie gesagt, ich verstehe doch nichts von Musik.

Andrea und Sven liessen sich nicht aus der Ruhe bringen. „Ich brenn das nochmal und spiel’s Dir dann auf der Fahrt zum Dreh vor“, das war Svens naheliegende Konsequenz der versemmelten Hörprobe.

Schnitt auf: Sven Rudat und Sathyan Ramesh ein paar Tage später im Produktionsauto auf dem Weg zum Dreh.

Sven Rudat legt eine neu gebrannte CD ein.

Sathyan Ramesh grunzt unwillig.

Ute Engelhardts Musik erklingt.

Und danach war die Welt des Films nicht mehr dieselbe.

Zwei der vier oder fünf Probestücke (ausgerechnet das erste und das letzte), nunmehr laut und glasklar zu genießen, waren derart auf den Punkt, daß man sie jetzt noch beinahe genauso im fertigen Film hören kann : Eine Abfolge (ich versuche gar nicht erst, kompetent zu klingen) minimalistischer Zweiklänge, sehr melancholisch, die in einen herrlich schwungvollen und dennoch nicht ganz unbeschwerten Walzer mündeten, waren das erste Stück, zogen mir die Schuhe noch im Auto aus und wurden aus dem Stand die Leitmelodie des Films.

Ein sensationell lässiger, gefühlvoller, abgeklärter Song (von Ute selbst gesungen!) in Phantasieenglisch und mit Westerngitarre wurde das Thema des Protagonisten.

Ich verfiel den Melodien Ute Engelhardts, leistete laut und öffentlich Abbitte, rief sie an und sagte, ich verstünde nix von Musik, bin auch grad im Drehstress, zwei der Probestücke seien bereits perfekt, einfach weiter so, ich vertraue ihr, wir lernen uns nach dem Dreh kennen.

Jetzt müßte ich, des Effekts wegen, vor- und wieder zurückspulen, denn das Wichtigste möchte ich am Schluß haben.

Jedenfalls war die Arbeit mit Ute ein Fest, schnell, voll Freude und Humor, bar aller Eitelkeit, mit völliger Offenheit und Kritikfreude auf allen Seiten, ein Traum von Arbeit, jedem zu wünschen, der mal mit Musik beruflich zu tun hat.

Im letzten Stadium ging Ute ins Studio zur Aufnahme und reicherte all das, was wir schon im Entwurf mochten (und privat bereits hörten und dazu vom fertigen Film und überhaupt von der Liebe träumten!), nochmal mit neuen, anderen und mehr Instrumenten (Akkordeon, Flöte, Bongos etc etc) an. Manchmal fegte einen diese letztgültige Fassung dann nochmal wortwörtlich von den Füssen.

Ich verstehe immer noch nichts von Musik, aber „Letzter Moment“ hat jetzt eine, die ich für keinen Reichtum eintauschen möchte!

Jetzt zu meinem Lieblingsmoment.

Ich gehe mit meiner Hündin (nicht unmusikalisch) spazieren, da ruft Ute auf dem Handy an. Sie hätte sich da gestern was für die Autofahrtszene (ein Montage ohne Dialog, sozusagen ein die Handlung weitererzählender Musikclip) einfallen lassen, sie spielt es mal kurz am Klavier an, vielleicht möchte ich kurz hinhören, da solle es auch noch so einen Indianergesang später geben dazu, den improvisiere sie jetzt mal…

Ich stehe vormittags mit meiner freundlich abwartenden Hündin in Sonntags- schlunzklamotten, benieselt vom Winterregen, am Aachener Weiher, Kölns nervigster Partymeile.

Und aus dem Handy steigt eine das Herz sofort zerhäckselnde, so zarte wie fröhliche Akkordeonmelodie, angefeuert von einem freudigen, federleichten Klavierspiel… dazu singt schließlich, außer sich und leidenschaftlich und lebenstrunken…
Eine Indianerin Namens Ute Engelhardt.

Der Aachener Weiher schien plötzlich zu erstrahlen.

Und die „Autofahrtszene“ hatte plötzlich Magie.

Und der Film konnte plötzlich fliegen.

Mitgerissen, hochgewirbelt, gen Himmel geweht von den großartig gefühlvollen, weltensatten Kompositionen der unerschöpflichen Ute Engelhardt.

So muß das sein, wenn man etwas von Musik versteht.

Aber wirklich.

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